was bleiben darf
Es war früher Frühling.
Die Wiese lag noch ein wenig verschlafen da,
doch zwischen den Halmen begann es schon zu flüstern.
Ein erstes, zartes Grün schob sich nach oben.
„Du bist früh dieses Jahr“, murmelte das Schaf und zupfte vorsichtig an einem der jungen Gräser.
„Ich war nie weg“, antwortete die Wiese leise.
„Ich habe nur gewartet.“
Ein Wind strich darüber hinweg, noch kühl, aber nicht mehr hart.
Er brachte Bewegung in das dichte, warme Fell des Schafes.
„Du trägst noch viel Winter mit dir“, sagte der Wind.
Das Schaf blieb stehen.
„Ja“, antwortete es ruhig. „Und es hat mich gut durchgebracht.“
Die Sonne, die sich langsam höher schob, legte sich sanft auf Rücken und Erde.
„Es wird Zeit, ein wenig davon loszulassen“, sagte sie.
Das Schaf dachte nach.
Es erinnerte sich an kalte Nächte, an stille Morgen,
an das Gewicht der Wolle, das Schutz gewesen war.
„Und wenn ich es abgebe…“, fragte es,
„ist es dann einfach weg?“
Die Wiese lächelte in ihrem eigenen, leisen Rhythmus.
„Nichts geht einfach weg“, sagte sie.
„Es verändert nur seine Form.“
Ein paar Tage vergingen.
Der Frühling wurde mutiger, die Halme kräftiger, das Licht klarer.
Und eines Morgens stand das Schaf wieder da.
Leichter.
Der Wind spielte nun direkter auf seiner Haut,
die Sonne wärmte tiefer.
„Es fühlt sich… anders an“, sagte das Schaf.
„Freier“, flüsterte der Wind.
„Offener“, ergänzte die Sonne.
Das Schaf nickte langsam.
Und irgendwo, nicht weit von dort,
begann etwas Neues.
Hände nahmen die Wolle auf.
Achtsam, ruhig, ohne Eile.
Sie wurde gewaschen, geordnet, weitergeführt.
Nicht verändert in ihrem Wesen – nur begleitet auf ihrem Weg.
Später, viel später,
liegt sie vielleicht als Plaid auf einem Sofa.
In einem hellen Naturgrau, ruhig und klar,
weich in der Hand, mit einem Hauch von dem, wo sie herkommt.
Und wenn man ganz genau hinsieht,
oder besser: fühlt,
dann ist da noch etwas von der Wiese,
ein wenig vom Wind,
ein warmer Rest der Sonne.
Und die leise Gewissheit:
Es ist nichts verloren gegangen.
Es ist nur weitergereist.
Farbige Realität auf dem Bildschirm!
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